
Ächzend winden sich die Holzplanken des Fischerbootes. Das aufgewühlte Meer findet immer wieder mühelos den Weg Bug aufwärts. Nur selten schafft es die aufgepeitschte Gischt aufs Bootsdeck. Traditioneller Bootsbaukunst und Fischern, denen auch die wildeste See, welche Küstenbesuchern ein Schaudern durch den Körper jagen dürfte, nichts mehr anhaben kann sei Dank. Erschöpft und doch ziemlich Tiefenentspannt navigieren die entweder in Gummi Montour oder aber in Boardshorts und Shirt gekleideten lokalen Hochseehelden samt ihrer Beute durch durch die Dünung und furchteinflössenden Strömungen.
Hinter ihrem Heck donnern zwei der kräftigsten Wellen auf die nur knapp unter der Wasseroberfläche liegenden Riffs. Rechts und links, oder besser Backbord und Steuerbord stürzen sich die waghalsigen Wellenexperten in perfekte, aus Wasser geformte, Tubes. Das Dröhnen des Dieselgenerators der Seilwinde, welche ächzend und keuchend das sicher in den winzigen Hafen eingelaufene und farbenfrohe Holzboot inklusive Besatzung und Fang des Tages den Hügel zur Strandpromenade zum Festmachen zieht, geht im Tosen des Meeres fast unter.
Langsam, Stück für Stück zieht sich das Boot ins Trockene. Ob der doch ziemlich oxidierte Untersatz auch diese kurze Reise noch überstehen wird ist fraglich aber wahrscheinlich funktioniert er noch eine halbe Ewigkeit, stark und gelassen wie irgendwie jeder und alles hier, dem rauen Wetter trotzend.
Es ist mehr als nur eine Momentaufnahme.
Es handelt sich nicht einfach um das Tagesgeschäft dieser Fischer, tagein tagaus, jener Routine zu folgen, egal was Neptun für den jeweiligen Tag vorgesehen hat. Vielmehr spiegelt es diesen, für mich zumindest, sehr speziellen Ort wieder, samt der lokalen Küstenbewohner und den immer wieder kehrenden Wellenreitern und Bodyboardern. Sowohl physisch als auch mental fragt dieser Ort nach besonderen Fähigkeiten. Wie auch die Planken der bunten Fischerboote, sind dei meisten aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt.

Meine rechte Hand wandert zum Lautstärkeregler des Radios. Sobald ich in Tinajos Kreisverkehr rechts abbiege, verfällt der Körper in eine Art Ruhemodus bei gleichzeitiger Beschleunigung der Herzfrequenz. Die Musik erblasst zu reiner Hintergrundmusik, welche der folgenden Szenerie die passende Dramatik verleihen soll. An den ganz speziellen Tagen allerdings verstummt die Musik völlig und während der Fahrt die Avenida Lomo de los Señores, der Landstraße hinunter nach La Santa welche einen herrlichen Blick auf diesen Teil der Küste freigibt. An den wirklich großen Wellentagen steigt spätestens zu diesem Zeitpunkt die Vorfreude, die Anspannung, beim Anblick der Misteriosa, einer der XXL Wellen im Atlantik, welche von der nördlichen Landzunge der La Santa Bucht aus auf die weißen Häuser zu rast.
Einige Kilometer Luftlinie liegen noch zwischen uns und doch übermannt mich das Gefühl die Kraft der Wellen bereits durch jede einzelne Hautschicht, jede Pore spüren zu können. Nicht selten halte ich an einem der seitlich abgehenden Feldwege inne, geniesse das Panorama und diesen Moment, bevor es weiter hinab geht bis zum Ortseingang La Santas.
Ja, ich bin endlich wieder in La Santa, an der Nordwestküste Lanzarotes, in der Gemeinde Tinajo. Es ist einer meiner Lieblingsorte auf der nördlichsten Kanareninsel und doch passiere ich das Ortsschild nicht sehr regelmässig.
Erst wenn die Wellenvorhersagen etwas besonderes vorhersagen, das besondere Knistern in der Luft liegt, La Santa Gesprächsthema wird, dann schaltet sich mein Körpereigener Autopilot auf La Santa. Dann findet mein Vehikel die Strecke über San Bartholome Richtung Tinajo und La Santa fast schon alleine. Dann läßt sich die Spannung und Anspannung in den Gesichtern der Menschen auf den Strassen und in den Gassen La Santas ablesen.
Es sind die Tage, an denen die Wellenreiter ihre Jet Skis, Big Wave Boards, Prallschutz- und Auftriebswesten lieber einmal zu viel als zu wenig überprüfen, während im Hintergrund die Dorfältesten ihre Angelruten unerschütterlich in die tosende See halten.

Heute ist wieder so ein Tag. Während der ersten größeren Winter Wellenperioden war ich leider nicht auf der Insel. Aber dieses Mal sollte wieder alles passen. XL Dünungswellen mit langer Periode zwischen den jeweiligen Wellen wurden vom Nordatlantik Richtung kanarischer Insel adressiert und sollten für ein, vielleicht zwei Tage an die Westküste donnern. Zudem waren östliche Winde angesagt. Diese beschleunigen über die Insel und treffen dann ablandig in die Wellen La Santas. Gerade für Quemao, eine der wohl perfektesten, kräftigsten und schönsten Tubes auf diesem Planeten oder zumindest im Atlantik, direkt vor der Strandpromenade und den Häusern des Dörfchens, ist diese Konstellation ideal. Hätte die Vorhersage jene Kombination aus Wellenrichtung, Höhe, Periode und Windrichtung für einen etwas längeren Zeitraum angesagt, dann wäre dies wohl dem Startschuss für das diesjährige QUEMAO CLASS gleichgekommen. Dem spektakulären Wellenreit und Bodyboard Invitational, welches niemand der sich zu diesem Zeitpunkt auf Lanzarote befindet, verpassen sollte. Nur bei idealen Bedingungen schaltet die Ampel auf grün und die Teilnehmer, wenn sie nicht eh schon Lanzarote oder La Santa Locals sein sollten, reisen sehr kurzfristig an um sich entweder in lange saubere Tubes zu stürzen oder aber gnadenlos auf das flache Riff gepresst zu werden.
(Regelmässig berichte ich über dieses Mega Event auf diversen Surf Portalen, schau mal vorbei >> )
Glücklicherweise hat sich das Studieren unzähliger Wetterkarten, Wellen- und Windvorhersagen gelohnt. Es wurde einer dieser Tage an denen ich selbst beim Parken, vorbereiten meiner Kameraausrüstung und selbst dem steinigen und holprigen Weg zur ersten Kameraposition die Augen nicht von dem nehmen konnte, was da gerade auf dem Wasser geschah.
Eines war aber dennoch anders heute.
Gewöhnlich weiß ich wo ich hin möchte. Entweder die Riesen der Misteriosa auf das Speichermedium bringen oder eben Quemao. Sollte es sich der Swell doch einmal anders überlegt haben und diese beiden unglaublichen Wellen nicht sauber laufen, hat La Santa noch einiges mehr zu bieten.
Der Spot Morro Negro, die rechtsbrechende Welle unterhalb der Misteriosa an der Style Liebhaber und Puristen häufig den Surf Veteranen der Insel zuschauen können und der La Santa Hauptspot innerhalb der Bucht. Diese Welle läuft fast immer und nicht nur aufgrund ihrer immensen Kraft, der extremen Strömungen und Untiefen, sollten jene die weder Spot noch einen oder mehrere der Locals kennen, eher nicht ihr Brett zu Wasser lassen.

Zurück aber zum heutigen Geschehen. Tatsächlich war ich etwas hin und hergerissen. Ich stellte mehrfach sicher das mein Stativ gut und richtig nivelliert war, denn immer wieder erwischte ich mich dabei, wie mein Objektiv in Lichtgeschwindigkeit von dem Quemao Spektakel rüber zur Misteriosa schwenkte und hoffte dabei am jeweils anderen Spot nichts zu verpassen. Einfach unfassbar sauber und extrem groß liefen die Misteriosa Wellen, wegschauen unmöglich. Wirklich gute Fotos auf diese Art und Weise erzielen, fast ebenso unmöglich. Das Objektiv blieb nun auf Quemao gerichtet und nur mein Blick wanderte immer wieder über die rechte Schulter sobald ein weiteres Riesenset einrollte.
Vielleicht, ja vielleicht, fahre ich später noch kurz rüber, am Club La Santa, dem Sporthotel mit riesigem Sportangebot und Trainingslager unzähliger Triathleten, Rad- und Wassersportler und fotografiere. Daraus wurde aber nichts. Zu gut, zu atemberaubend war das, was in Quemao geboten wurde.
Zudem ließ die Wellenqualität bis zum frühen nachmittag deutlich nach und die Entscheidung der Quemao Class Organisation, das Event während dieser Wellenphase nicht zu starten wurde immer nachvollziehbarer.
Nur sehr langsam setzte ich mein Fahrzeug in Bewegung, im Schritttempo ging es zum Ortsausgang, nicht wenige Radsportler passierten mich dabei, während mein Blick immer wieder kurz in den Rückspiegel und durch die engen Gassen aufs Wasser fiel, um sicher zu gehen nicht doch noch etwas zu verpassen.
Jetzt heißt es erstmal wieder warten, Wellenkarten studieren und auf die nächsten Wellenberge hoffen. Bis dahin werde ich mich wider an der geliebten Ostküste ins Wasser stürzen, die Küste auf und abfahren, immer auf der Suche nach dem Tagesaktuell besten Spot.
Zur Galerie dieses La Santa Tages geht es übrigens hier >>








