
Irgendwie kann ich es selber kaum glauben. Erst bei der Einfahrt in das malerische Dörfchen Tinajo wird mir bewusst wie lange ich diesen Ort an der Westküste Lanzarotes bereits nicht mehr besucht hatte. Meist zieht der Mittelfinger der linken Hand den Blinkerhebel halbautomatisiert nach oben, um mich nach rechts Richtung La Santa abbiegen zu lassen, wenn ich normalerweise in den kleinen Kreisverkehr am nördlichen Ende Tinajos ankomme. Erst eine Einladung zu einem Kindergeburtstag bringt mich nun erneut in den Hauptort der gleichnamigen Gemeinde, zu welcher auch der Nationalpark Timanfaya gehört.
Timanfaya ist eine der absoluten Sehenswürdigkeiten der Insel und mehr Vulkan als hier kann man wohl kaum erleben. Das Farbenspiel der unterschiedlichsten Gesteins- und Sandarten sollte man sich wirklich nicht entgehen lassen und wer noch nie auf brodelnde Lava schauen durfte, bekommt im Timanfaya Nationalpark die Gelegenheit dazu.
Aber zurück nach Tinajo. Nicht nur für mich ist der kleine Ort meist Durchgangsstation, das Drehkreuz der Westküste. Solltest Du bereits einmal auf Lanzarote gewesen sein, dann könnte es auch Dir passiert sein, durch Tinajo gefahren zu sein ohne es wirklich realisiert zu haben. Die Wege zu vielen Sehenswürdigkeiten der Insel führen nicht ausschließlich aber eben doch sehr häufig über die LZ 20 zum Kreisverkehr Tinajos und von dort entweder über die Avenida de los Volcanes nach Süden, Richtung Timanfaya, Mancha Blanca oder Tenesar und die Avenida las Cañadas gen Norden, durch La Santa bis hin nach Famara.
Sanft hebe ich die Zehen des rechten Fusses und belaste die Ferse um den Druck vom Gaspedal zu nehmen und noch deutlich unter die vorgeschriebenen vierzig Kilometer pro Stunde Maximalgeschwindigkeit zu verlangsamen. Selbst das reicht mir nicht. Stück für Stück komme ich vorwärts, parke und erkunde. Tinajo ist eben nicht einfach nur ein weiteres in weiß getünchtes Dorf auf Lanzarote. Keine, oder kaum, industrielle Eingangsschilder zu den lokalen Geschaeften, Friseuren, Cafes und Restaurants. Mit Liebe zum Detail laden die Geschaeftsbezeichnungen künstlerisch gestaltet zum Besuch und dieser lohnt sich. Neben netten Cafes und Bars warten in Tinajo auch einige kulinarische Leckerbissen.

In Momenten ohne Straßenverkehr fällt es schwer, das aktuelle Jahrzehnt zu bestimmen. Siebziger, Achtziger oder doch bereits einundzwanzigstes Jahrhundert. Es scheint unwichtig. Immer wieder geben die großen Lücken zwischen den Häusern den Blick auf die Küste und die umgebenden Naturparks frei. Der Sekundenzeiger meiner Armbanduhr scheint sich langsamer zu drehen. Entsprechend langsam lasse ich mich auf eine der Parkbänke sinken, geniesse den Augenblick, die Lichtstimmung welche die Parroquia de San Roque und ihr gegenüberliegenden Gemeindegebäude fast schon perfekt ausleuchtet.
Die Parroquia de San Roque spielt in der jüngeren Geschichte der Gegend eine nicht unwesentliche Rolle.
Bei den letzten größeren Vulkanausbrüchen auf Lanzarote zwischen 1730 und 1736 war vor allem das Örtchen Mancha Blanca vor der Auslöschung durch die Lavaströme bedroht. In fast aussichtsloser Lage wurde die Virgin de los Dolores, die Jungfrau der Schmerzen, aus eben jener Kirche, der Parroquia de San Roque in Tinajo geholt. Mit ihr prozessierte man den Lavaströmen entgegen. Die Lava erstarrte vor Mancha Blanca. Gleiches wiederholte sich im Jahr 1824 mit noch knapperem, aber erneut positivem, Ausgang. So besagt es die Legende.
Die Virgin de los Dolores befindet sich nicht mehr in Tinajo sondern in der Kapelle Nuestra Señora de los Dolores, es wird ihr aber jedes Jahr mit einer Prozession aus Tinajo nach Mancha Blanca gedacht.
Etwas schwieriger zu finden ist das Dörfchen Tenesar. Von Tinajo aus geht es am Vulkan Montaña Teneza hinunter zur Küste. Von dem „Geisterdorf“ Tenesar aus gehen unzählige Pfade Richtung Timanfaya und der Küste entlang,.
Die wenigen bewohnten Häuser werden meist nur während der Sommermonate als Feriendomizil genutzt. Den Rest des Jahres findet man hier bis auf ein paar Wanderlustige kaum jemanden.
Zu La Santa werde ich in naher Zukunft noch einiges zu berichten haben. Wann immer die Wellenvorhersage kribbeln im Bauch verursacht, mache ich mich auf den Weg und werde natürlich auch hier weiter und ausführlich berichten.
Zuerst aber werde ich die Eindrücke aus Tinajo mitnehmen und werde sicherlich häufiger einmal aus La Santa nicht direkt wieder zur Ostküste abbiegen, sondern mich wieder sinken lassen, auf eine der Parkbänke, und geniessen.


